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Was bleibt, wenn ein Mensch geht?

Es ist ein halbes Jahr her, seitdem mein Vater sehr plötzlich und unerwartet gestorben ist. Und ich stell mir diese Frage, weil heute sein 68. Geburtstag gewesen wäre … der erste Geburtstag ohne ihn, wo wir noch nicht einmal miteinander skypen konnten. Auf die Frage „Hey, wie gehts dir?“ hätte er dann auf jeden Fall „Gut mein Lieber, Unkraut vergeht nicht“ geantwortet.

Was bleibt, außer Staub und Unkraut?

Erstmal Organisation: Beerdigung, Sterbeurkunde, Testament, wo, was , wer, … durchs Chaos durchwühlen, kurz trauern, Whiskey trinken, eine rauchen und weiter. Mit Verwandten reden, den Starken spielen, nicht trauern können, dann plötzliche Wut, wieder schlecht schlafen und weiter, weiter, …

Wie  kann so einer kleiner, lieber Mann einen solch großen Berg an Unvollendetem hinterlassen?? Warum hat er nichts geregelt? Warum lässt er uns mit diesem Ballast allein? Ohne Exitstrategie, nach mir die Sintflut. O-Ton: „Wenn ich weg bin, bin ich weg.“

Mein Vater hat uns einen Ledergroßhandel hinterlassen, den keiner von uns weiterführen möchte. Ein Verwaltungsgebäude mit 2800qm, in dem keiner von uns wohnen möchte. Er uns meine Mutter hinterlassen, die auf einen gemeinsam Ruhestand hingehofft und ihn noch zuletzt angefleht hat, mit allem aufzuhören, um endlich zu reisen und die Welt zu sehen. Doch daran wollte er nicht denken. 100 Jahre alt werde er noch werden und die wollte er nicht auf einer Parkbank ohne Aufgaben verbringen.

Bei der Beerdigung sagten viele, er sei so unglaublich freundlich gewesen, agil für sein Alter und immer für einen Spaß zu haben. Das  kann ich nur bestätigen. Dort wo andere in seinem Alter nur noch meckern und das Haar in der Suppe suchen, machte er einen sehr zufriedenen Eindruck. Butterbrot oder 4-Gänge-Menü, mit allem war er zufrieden und im Reinen mit sich und der Welt. Und so war er eigentlich jeden Tag in den letzten 5-10 Jahren. Lag das an seinen Enkeln und Enkelinnen – jeweils 2 an der Zahl – sein ein und alles?!

Was hat er mir persönlich hinterlassen?

Da sind zum Beispiel seine körperlichen Hinterlassenschaften. Wir haben ähnliche Hände, unser Nießen klingt identisch, sehr zu meinem Leid haben wir den selben Haarausfall, ähnliche Brustbehaarung und auch meine Beine sehen so aus wie seine. Viele dieser Eigenschaften habe ich selten als positiv wahrgenommen. Um mich von ihm abzugrenzen, hab ich sie ablegen und verändern wollen. Das ist anders seit seinem Tod. Ich merke, wie ähnlich ich ihm in Vielem bin. Und das ist gut so. Wenn ich beispielsweise mit meinen beiden Mädchen spiele und albern werde mache ich die selben Moves wie er, um sie zum Lachen zu bringen. Und es klappt. Sogar sehr gut.

Schnipsel der Erinnerung

Zahlreiche Mosaiksteine poppen hier und dort unerwartet auf, die sich miteinander verstricken und sich zu neuen Bildern zusammensetzen … Wie er mir das Fahrradfahren beigebracht hat, wie wir gestritten haben und ich das Gefühl hatte gegen eine Wand zu reden, ohne jegliches Feedback zu bekommen. Wie er mit dem Smartphone rummrennt und seine Enkel filmt. Wie er auf der Hochzeit meines Bruders mit einem Mordshüftschwung wirklich alle an die Wand dänced. Die herzergreifende Rede bei unserer Hochzeit, wo er noch 2 Tage später geholfen hat, alles wieder ins Lot zu bringen und die Essensreste zu einem Obdachlosenheim gebracht hat. Wie er unsere neugeborenen Kinder im Arm hält und stolz bestaunt. Und, und, und …

Die große Lücke

Obwohl sein Leben sehr rund, reich und vollendet auf mich wirkt, bleibt doch diese große Lücke: mein Vater, den ich immer fragen konnte, wenn ich was nicht wusste. Der Opa, der ab und zu vorbeikommt, um mit meinen Kindern zu spielen. Nicht zuletzt die Mission, die wir uns vornahmen: Noch einmal wie früher zusammen das Auto von Hand zu waschen, zu weit ein Wochenende zu verbringen, den neusten Bond und das nächste WM-Endspiel zusammen zu sehen und nochmal einen Abend mit nen paar Bierchen anstoßen.

Und was wird von mir bleiben?

Wie auch die Bloggerin Pia Mester in ihrem Artikel Das Leben ist kurz stell ich mir natürlich auch die Frage, was von mir bleiben soll, wenn ich mal gehe?! Was will ich meinen Kindern, meiner Frau und der Nachwelt hinterlassen? Meine Musik etwa, einen Baum, den ich gepflanzt habe oder ein Haus, ein Buch, ein Denkmal? Übrigens unbedingt ansehen: Das beste kommt zum Schluss!

Seit dem Tod meines Dads haben wir uns entschieden die Möglichkeiten wahrzunehmen, die uns jetzt gegeben sind. Zum Beispiel haben wir uns für ein neues Leben entschieden: Unser drittes Kind, welches im Juni auf die Welt kommt. Die Entscheidung ist an sich schon ein Wunder, da wir die Zeit mit den Zwillingen als sehr anstrengend empfunden haben und erstmal mit der Familienplanung abgeschlossen hatten. Aber nicht lang nach der Beerdigung kam unsere Entscheidung. Bevor wir noch weiter hin und her überlegen, wagen wir es einfach. Und dann werden ne besondere Elternzeit in Thailand am Strand verbringen. Und dann werden wir in Gemeinschaft und naturnah mit anderen Familien leben. Wir werden uns bewegen. Werden Momente sammeln, Träume wahr werden und die uns verbleidende Zeit gemeinsam auskosten. So wenig aufschieben auf später. So wenig wie möglich anhäufen, um sich im Alltag kurzzeitig mit Gütern zu trösten. Was bleiben wird, ist die Zeit, die man zusammen verbracht hat, die Liebe, die in dieser Zeit zueinander wächst, der Zusammenhalt, die Präsenz im Augenblick.

Am Ende will ich mit diesem Wissen gehen

Ich war da für euch, wirklich da. Wir haben zusammen etwas gewagt, haben zusammen gelebt, nicht nur unter einem Dach, nicht aneinander vorbei, sondern wirklich gelebt – in Höhen und Tiefen haben wir zueinander gehalten, haben das Leben gefeiert und haben Missstände nicht einfach akzeptiert, sondern nach Lösungen und Auswegen gesucht, haben mit- und füreinander gekämpft.

Ich denke, das ist machbar. Denn es ist wichtig. Aber es hat etwas mit Prioritäten zu tun. Das wird nicht einfach. Aber ich bin überzeugt, es wird sich lohnen.

In diesem Sinne: Viel Glück und viel Segen, Dad!

Hast du noch Fragen, Gedanken oder möchtest mir schreiben, was von dir bleiben soll, wenn du einmal gehst? Gleich unter dem Artikel kannst Du in die Kommentarbox schreiben. Ich freue mich auf Deinen Beitrag.


P.S: Dieses Buch hätte ich übrigens meinem Vater gern zum Geburtstag geschenkt. Vielleicht ist ja eine interessante Geschenkidee für den nächsten Geburtstag deines Vaters. 

Papa, erzähl mal: Das Erinnerungsalbum deines Lebens


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