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Was macht euch so unzufrieden?

Es ist wieder Montag. Ich hole unsere Zwillingsmädels von der Tagesmutter ab. Sie sagt: „Alles super, wie immer, die beiden sind echt goldig!“ Das macht Daddy natürlich mächtig stolz, gibt mir aber auch immer zu denken. Meint sie dieselben Kinder wie ich?! Also die quirligen, niemals-zufriedenen Konkurrierenden, die ständig irgendwas aushecken? Anscheinend. Ich stecke voller Bewunderung für diese Frau. Wie kann man sich nur diesen Job freiwillig aussuchen, ihn Tag für Tag ausführen – allein schon lautstärkepegeltechnisch. Sie hat die Kinder irgendwie liebevoll im Griff und die Ruhe weg. Sie ist unsere persönliche Heldin.

Mit dem Tritt über die Schwelle fängt das Gequengel an. Jetzt beginnt der harte Teil des Tages. Ich sag euch, das reinste Survivalcamp. Jeden Tag von 15-18.30 Uhr und am Wochenende Full-Time. Ich meine, wie krieg ich die beiden auch nur ansatzweise fröhlich mit dem Kinderwagen nach Hause? Erst Platzkampf um die Sitzwahl im Buggy, dann stimmt die ganze Zeit irgendwas nicht: „Handschuh, … Mütze …, Schuh, … Brot“, dann Gekloppe gefolgt von Tränen und theatralisch-aus-dem-Gefährt-Herausgehänge. Und ihr wart goldig, zufrieden und alles war gut – bis wann? Und warum jetzt nicht? Ihr seid schließlich bei eurem Dad, der alles in Bewegung gesetzt hat, um euch pünktlich abzuholen, jeden einzelnen Tag in der Woche. Der sich wirklich jedes Mal freut, wenn er euch abholt und merkt, wie klein und unwichtig doch alles andere außer Familie ist.

Es will sich mir einfach nicht erklären und frustriert mich WAHNSINNIG. Können sie die Emotionen vorher nicht wirklich rauslassen, weil sie eben nicht bei uns sind? Haben sie den ganzen Tag schon innegehalten und sind jetzt endlich bei den Menschen, die sie am meisten lieben, die ihnen die nötige Geborgenheit und Sicherheit für ihren Frust garantieren. Das würde eventuell passen. Passt mir aber nicht. Ich hab doch schließlich ein Anrecht auf glückliche und zufriedene Kids, die funktionieren und mit lautem Lachen bis zur Haustür fahren. Ich weiß, keine feine Gedanken, aber wenn ich ehrlich bin, dann würde mich das so richtig glücklich machen. So als direktes Feedback, so als: Papa ist der Coolste und uns scheint die Sonne aus dem Arsch. ☀

Zu Hause angekommen, muss noch die Treppe gemeistert werden, wir wohnen im dritten Stock. Der Endgegner. „Arm, Arm, Arm …“. „Nein, ihr könnt schon alleine die Treppe hochgehen.“ Wenig Begeisterung. Nein, sondern immer öfters auf den Bodengewerfe, Totalverweigerung und lautes Geschreie im hellhörigen Treppenhaus. AArrrhhhh!!!!

Okay, irgendwann passieren wir die Wohnungstür. Meine wundervolle Frau Kaddi empfängt uns. Mama, endlich „Mamaaaaa“! So als wär Papa die reinste Qual gewesen. Aber auch dieses Glückshäppchen reicht nicht aus. Wir zählen gefühlt die Minuten runter. Es sind 180 davon bis zum ersehnten Feierabend. Zwillinge im Alter von 23 Monaten genügt eine Lappalie, um einen Heulkrampf zu haben: eine Puppe lässt sich nicht sofort aus dem Bett befreien, ein Deckel geht nicht sofort auf, eine volle Windel, die gewechselt werden muss, der andere Zwilling kommt auf den Arm, ein „Nein“, ein „Ja“, ein Pups … ALLES!

Wir sind fertig, angenervt und hecheln dem Abendritual entgegen. Es seit einem Jahr eine feste Abfolge mit Abendessen, Zähneputzen, Windelwechseln, Lieder singen … ein Traum könnte man meinen, den wir da unseren Liebsten gönnen … aber auch das geht nicht friedlich über die Bühne, natürlich nicht. Aber der absolute Abfuck kommt noch: Irgendwann haben die beiden angefangen nach dem Zubettbringen ihre Schnuller aus dem Bett zu pfeffern, so dass wir Ihnen die dann geben müssen, damit sie in Ruhe einpennen können. Aber das ist dann so ausgeartet, dass es wie ein Druckmittel auf uns wirkte: „Haha, ihr denkt jetzt ich schlaf in Ruhe ein, aber kann ich ja nicht, da mein Schnulli weg ist, ohne den geht gar nichts, ätsch.“ Das gibt uns dann den Rest. Echt Kacke, es hätte so schön sein können. Mittlerweile haben wir uns darauf geeinigt, dass es den Schnulli nur noch ein einziges Mal gibt, danach müssen sie ohne Klarkommen und wir mit Protest bis sie eingeschlafen sind.

Was macht euch so unglücklich?! Das ist unsere ständige Frage. Letztens haben wir nach sehr langer Zeit mal wieder zusammen gebetet – naja Klagelied ist wohl der bessere Ausdruck. Tränen sind geflossen. Ehrliche Worte in Richtung Himmel, die ich mich hier niemals trauen würde öffentlich auszusprechen, all der Frust, all die Enttäuschung, die mit dem Elternsein einher kommen, aber oft schwer sind, sie  sich selbst einzugestehen und auch dem Partner gegenüber zu offenbaren. Aber: Das hat uns mega geholfen. Einfach mal Dampf ablassen, auskotzen, ohne dass der andere sich verantwortlich fühlt. Es  einfach mal jemand Größerem anzuvertrauen. Und tatsächlich, es hat uns sehr geholfen diese ehrliche Gebetssession. Wir sind wahrlich keine supertollen Christen, die das voll drauf haben, aber es hat einfach ne gute Portion Erleichterung gebracht.

Und dann letztens, ganz unerwartet: ein Edelstein-Moment. Die beiden ewigen Konkurrentinnen gackern ausgelassen im Nebenzimmer. Wir wundern uns. „What the Heck?“ Dann schnelles Getrappel. Sie fegen um die Ecke, Hand-in-Hand und laufen zusammen um den Esstisch, von einem Zimmer zum anderen und verbreiten die schönste Fröhlichkeit in unsere 83qm-Wohnung. Das ist das erste Mal seit langem, dass ich sie so zusammen gesehen habe. Kommt bald mehr davon? Läutet das eine neue Ära ein?! Bitte mehr davon! Ach was, genießen, einfach nur genießen … der nächste Heulkrampf lässt bestimmt nicht lange auf sich warten.

Wenn ihr Gedanken dazu habt, freuen wir uns auf eure Kommentare.

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